Heteronormativität im Film: Brokeback Mountain

„Brokeback Mountain“ ist ein amerikanisches Filmdrama des Regisseurs Ang Lee aus dem Jahr 2005 und basiert auf der gleichnamigen Kurzgeschichte der Autorin Annie Proulx. Der Film erzählt die Liebesgeschichte der beiden Cowboys bzw. Schafhirten Ennis del Mar und Jack Twist, gespielt von Heath Ledger und Jake Gyllenhaal.
 

Inhalt

Im Frühjahr 1963 nimmt der junge Ennis del Mar eine Stelle bei einem Schafzuchtbetrieb in Wyoming an, bei dem auch Jack Twist nun schon im zweiten Sommer arbeitet. Die beiden sollen auf dem Brokeback Mountain eine Herde Schafe hüten, während dieser Zeit entwickelt sich zunächst eine Art Kameradschaft zwischen den beiden, in der einer der beiden die Schafe hütet und der andere für deren Verpflegung sorgt und umgekehrt. Eines Abends ist Ennis zu betrunken, um für die Nacht zurück zu den Schafen zu reiten und bleibt am Lagerfeuer liegen, während Jack sich in das einzige Zelt zurückzieht. In der Nacht wird Jack wach und fordert den frierenden Ennis auf, sich mit in das Zelt zu legen. Als sie nebeneinander im Zelt liegen, zieht Jack im Halbschlaf Ennis‘ Arm um sich, woraufhin dieser hochschreckt. Jack, der ebenfalls wach geworden ist versucht Ennis zu küssen, woraufhin es zunächst zu einem Kampf zu kommen scheint, der jedoch im Sex zwischen den beiden endet. Am nächsten Tag betonen beide, nicht homosexuell zu sein und versichern, dass der Vorfall eine einmalige Angelegenheit war, die nur sie etwas anginge. In der darauffolgenden Nacht schlafen sie erneut miteinander, diesmal jedoch in zärtlicherer Art und Weise als zuvor. Es entwickelt sich eine intime Beziehung zwischen den beiden, die jedoch durch einen plötzlichen Kälteeinbruch beendet wird, da sie aufgefordert werden, die Schafherde wieder in den Ort zu treiben und den Brokeback Mountain zu verlassen. Das Ende der gemeinsamen Zeit auf dem Brokeback Mountain scheint in beiden starke Gefühle hervor zu rufen, denn es kommt zu einer Schlägerei zwischen beiden, wobei die Hemden der beiden Männer mit Blut beschmiert werden. Im Tal trennen sich dann ihre Wege und auf Jacks Vorschlag, sich im nächsten Sommer wieder auf dem Brokeback Mountain zu treffen, geht Ennis nicht ein. Als Jack abgefahren ist, bricht Ennis jedoch schluchzend an einer Hauswand zusammen. Ein Jahr später fährt Jack erneut zu dem Schafzüchter und fragt, ob es wieder Arbeit für ihn gebe und, ob Ennis ebenfalls dort angefragt habe. Der Schafzüchter, der die beiden im letzten Sommer jedoch heimlich beobachtet hatte, macht ihm klar, dass er für Männer wie ihn, also für Homosexuelle, keine Arbeit habe. Vier Jahre später ist Ennis bereits mit seiner damaligen Verlobten Alma verheiratet, hat zwei Töchter mit ihr und lebt mit seiner Familie in bescheidenen Verhältnissen. Jack kündigt ihm per Postkarte einen Besuch an und als sie sich wieder sehen, küssen sie sich leidenschaftlich an einer vermeintlich versteckten Stelle hinter Ennis‘ und Almas Haus. Alma, die zufällig am Fenster steht, beobachtet dies und ist sichtlich erschüttert, sagt jedoch nichts. Jack hatte inzwischen Lureen, die Tochter eines reichen Landmaschinenhändlers geheiratet und mit ihr einen Sohn bekommen. Er arbeitet seitdem im Betrieb seines Schwiegervaters, nachdem er sich zuvor mit dem Rodeo-Reiten über Wasser gehalten hatte. Unter dem Vorwand gemeinsam etwas trinken zu gehen, verbringen Jack und Ennis die Nacht in einem Motel und schlafen dort vermutlich miteinander. Fortan treffen sie sich regelmäßig zwei mal im Jahr unter dem Vorwand gemeinsam Angeln zu gehen. Dennoch verlässt keiner von beiden seine Familie und Ehe, um eine feste Beziehung zueinander einzugehen. Jack spricht zwar immer wieder von einer gemeinsamen Zukunft, doch Ennis lehnt dies, aus Angst vor den gesellschaftlichen Konsequenzen, ab. Er zwingt sich statt dessen, ein konformes Leben mit seiner Familie zu führen. Wegen zunehmender Eheprobleme und möglicherweise wegen dem verdacht eines Verhältnisses zwischen Jack und Ennis lässt sich Alma 1975 von Ennis scheiden. Jack erfährt von Ennis von der Scheidung und fährt sofort zu ihm, da er hofft nun sei es ihnen möglich ein gemeinsames Leben aufzubauen. Ennis lehnt dies jedoch erneut ab. Enttäuscht fährt Jack daraufhin nach Mexico, wo er mit männlichen Prostituierten schläft. Auch Jacks Ehe leidet nun zunehmend unter Problemen. 1977 konfrontiert Alma Ennis mit ihrem Wissen über seine Beziehung zu Jack, woraufhin dieser sehr aggressiv reagiert und sie beinahe schlägt. Ennis und Jack treffen sich in den nächsten Jahren zwar immer noch in regelmäßigen Abständen, aber Jack macht deutlich, dass ihm diese seltenen Treffen nicht reichen und dass er Ennis vermisst. Als Jack im Frühjahr 1981 erfährt, dass Ennis zukünftig wegen der Arbeit noch seltener Zeit für ihn habe, erklärt Jack Ennis wohl aus Zorn, dass er Prostituierte in Mexico besucht habe. Ennis reagiert aggressiv auf diese Mitteilung, bricht jedoch am ende dieses Streits weinend zusammen und erklärt, dass er diese Zerrissenheit nicht länger aushalte. Kurze Zeit später trennt Ennis sich von seiner zwischenzeitlichen Beziehung zu einer Frau, die er in einer Bar kennen gelernt hatte. Wieder einige Zeit später, bekommt Ennis eine Postkarte, die er an Jack geschrieben hatte, mit dem Vermerk „Verstorben“ zurück. Er ruft Jacks Frau an und diese erzählt ihm, dass Jack bei einer Autopanne verstorben sei, weil ihm durch einen Unfall eine Felge des Wagens ins Gesicht geschleudert wurde. Währenddessen wird eine Szene eingeblendet, in der Jack von mehreren Männern zu Tode geprügelt wurde. Es bleibt offen, ob es sich dabei um das wahre Geschehen oder um Ennis‘ Ängste handelt. Ennis reist nur zu Jacks Eltern, um sie darum zu bitten, Jacks Asche auf dem Brokeback Mountain verstreuen zu dürfen, wie es Jacks letzter Wunsch gewesen sei, wie er von dessen Frau erfahren hatte. Von den Eltern erfährt er, dass Jack immer wieder davon gesprochen habe, dass er mit Ennis auf die Ranch der Eltern ziehen wollte. Einige Monate vor seinem Tod habe er jedoch beschlossen, diese Pläne mit einem anderen Mann zu verwirklichen. In Jacks ehemaligen Zimmer entdeckt Ennis die Hemden von ihm und Jack, die sie während ihrer Schlägerei auf dem Brokeback Mountain trugen. Er selbst dachte wohl, er hätte sein Hemd dort verloren. Jacks Vater erlaubt Ennis nicht, dessen Asche auf dem Brokeback Mountain zu verstreuen, aber seine Mutter gibt Ennis die beiden Hemden mit. In der letzten Szene, Mitte der 1980er lebt Ennis alleine in einem spärlich eingerichteten Wohnwagen, als seine älteste Tochter ihn besucht, um ihm von ihrer bevorstehenden Hochzeit zu berichten und ihn einzuladen. Sie vergisst ihre Strickjacke bei ihm und als Ennis diese in den Schrank hängen will, kann man sehen, dass an der Innenseite der Schranktür die beiden Hemden und die Postkarte hängen, die Jack Ennis vor ihrem Wiedersehen geschickt hatte. Auf ihr ist der Brokeback Mountain abgebildet. Ennis streicht mit dem Daumen über Jacks Hemd und sagt mit Tränen in den Augen „Jack, i swear…“. Der Film endet mit einem Blick aus dem Fenster des Wohnwagens, hinter dem man die Landschaft Wyomings sehen kann.

Heteronormativität in Brokeback Mountain

Das Thema der Heteronormativität wird in Brokeback Mountain in mehreren Szenen direkt oder indirekt thematisiert.
In der Szene, in der sich Ennis an einem Abend auf dem Brokeback Mountain, wahrscheinlich am Tag, nachdem sie das erste mal Sex hatten, zu Jack setzt, findet eine interessante Unterhaltung der beiden statt.
Ennis erklärt „It was a one-shot thing we got going on there.“ und später „You know I ain’t queer“. Der Begriff queer wird hier wohl als Bezeichnung für homosexuell und nicht im Sinne der queer studies gebraucht.
In dieser Szene wird deutlich, wie Ennis sich selbst sieht, denn er erklärt eindeutig nicht homosexuell zu sein. Offenbar versteht er unter dem Begriff „queer“, welcher, wie schon zuvor beschrieben, eine eher abwertende Bezeichnung für Homosexualität war, welche höchstwahrscheinlich im Wyoming der 1960er Jahre gebräuchlich war, etwas, womit er sich selbst nicht identifizieren kann. Diese Selbst-Identifizierung steht jedoch im Kontrast zu der Handlung, die er in der Nacht zuvor vollzogen hat und auch in der folgenden Szene vollzieht, denn gleich nach der kurzen Unterhaltung der beiden, folgt eine Szene, in der die beiden erneut Sex miteinander haben. Vor dem Hintergrund der queer theory könnte man argumentieren, dass Ennis lediglich die Bezeichnung „homosexuell“ ablehnt, so wie die Binarität von homosexuell und heterosexuell in der queer theory abgelehnt wird, womit er selbst durchaus als „queer“ im Sinne der queer studies bezeichnet werden könnte. In anderen Szenen wird jedoch deutlich, dass Ennis wahrscheinlich aufgrund seiner Sozialisation und aufgrund des Kontextes in dem er lebt, nicht die Möglichkeit hat, sich selbst in einer positiven Art und Weise als homosexuell oder queer zu definieren.
In einer späteren Szene, in der die beiden Protagonisten am Lagerfeuer sitzen und sich unterhalten, wird deutlich, dass Ennis keinerlei Chance für ein gemeinsames Leben mit Jack sieht. Er erklärt, dass in der Gesellschaft von Wyoming, zwei Männer, die zusammen leben, gesellschaftlich geächtet würden und sogar mit Übergriffen und Mord zu rechnen hätten. Er erklärt „Two guys living together? No way. We can get together once in a while, way the hell out in the middle of nowhere, but…“. Ennis erzählt nun eine Erinnerung aus seiner Kindheit, die seine Einstellung zu der Beziehung zu Jack verdeutlichen mag. In dieser Erinnerung wurde ein Mann, der mit einem anderen Mann zusammen auf einer Ranch lebte, von den Männern aus dem Ort brutal ermordet. Ennis‘ Vater, von dem er vermutet hinter diesem Mord zu stecken, bringt seine beiden Söhne zu der Leiche und lässt die beiden kleinen Jungen, die nicht älter als 9 oder 10 Jahre alt seien können, den toten Mann betrachten. Dies muss Ennis schwer traumatisiert haben, wenn man bedenkt, dass dieses Erlebnis nach vielen Jahren immer noch einen solchen Einfluss auf ihn zu haben scheint. Vor diesem Hintergrund liegt die Vermutung nahe, dass er seine Liebe Jack gegenüber aus einer internalisierten Homophobie oder zumindest aus Angst vor den Konsequenzen seiner Liebe, nicht zugeben kann. Er kennt nur diese Realität und richtet sich danach. Zuvor erklärte er bereits „You know it ain’t gonna be that way. You got your wife and baby in Texas and you know, I’ve got my life in Riverton“ und lehnte damit Jacks Vorschlag eines gemeinsamen Lebens ab.

Welche Auswirkungen die Heterosexualität als gesellschaftliche anerkannte Norm haben kann, wird in diesen Beispielen sehr drastisch dargestellt. Ennis kennt nur die Realität, der getöteten homosexuellen Mannes und kann sich kein anderes Lebenskonzept mit Jack vorstellen, außer sich hin und wieder „out in the middle of nowhere“ zu sehen. Er scheint kontrolliert von den Normen und Erwartungen, die in der Gesellschaft herrschen.

Geht man von der Annahme aus, dass man, um sich outen zu können, in einem geeigneten Kontext situiert sein muss, wird deutlich, weshalb es gerade Ennis so schwer zu fallen scheint, seine Gefühle zu Jack einzugestehen. Auch die Ehe derbeiden Protagonisten wirft die Frage auf, ob sie nur geheiratet haben, um der gesellschaftlichen Norm gerecht zu werden. Weder Ennis‘, noch Jacks Ehe scheint besonders glücklich zu verlaufen. In einer späteren Szene, erneut auf dem Brokeback Mountain, allerdings einige Jahre später, unterhalten sich Jack und Ennis erneut über Ennis‘ Ablehnung des gemeinsamen Lebens. Als Jack sich beschwert, dass sie nicht genügend Zeit miteinander verbringen könnten, erwidert Ennis: „Jack, I’ve got to work, huh. In them early days, I just quit the job. You forget what it’s like to be broke all the time. You ever heard of child support? All I tell you is I can’t quit this one and I can’t get the time off. It was hard enough getting this time. The trade-off was August. You got a better idea?“.

Jack erwidert: „I did once“. Woraufhin Ennis verärgert reagiert: „You did once… Have you been to Mexico Jack Twist? ‚Cuz I hear what they’ve got in Mexico for boys like you.“. Die Bezeichnung „boys like you“ kann in diesem Kontext als homophobe Anspielung gelten, denn in Mexico gewesen zu sein, bedeutet für Ennis offenbar die Grenze zur Homosexualität überschritten zu haben oder ähnliches. Natürlich könnte man dies auch einfach als Eifersucht deuten, dies wirft aber die Frage auf, weshalb Ennis nur auf Jacks sexuellen Kontakt mit anderen Männern in Mexico eifersüchtig ist und nicht auf seine Ehe oder die Affäre mit einer anderen Frau, von der Jack zuvor berichtet hatte. Möglicherweise sieht Ennis sich hier auch mit der eigenen Identität konfrontiert, da ihm vor Augen geführt wird, das auch er Sex mit einem Mann hatte. Offenbar scheinen hier jedoch Abwertung von Homosexualität und Ungewissheit über die eigene Identität eine Rolle zu spielen. Wenig später in diesem Dialog erklärt Ennis verzweifelt „Why don’t you just let me be, huh? It’s ‚cause of you, Jack, that I’m like this. I’m … nothing … nowhere.“. Hier wird deutlich, dass Ennis nicht in der Lage ist, sich selbst zu positionieren und hin und her gerissen scheint, zwischen dem, was die Norm vorgibt, was er selbst gelernt hat und wovon er überzeugt ist und auf der anderen Seite seinen Gefühlen zu Jack. Zum Ende des Films werden diese Ängste von Ennis erneut visualisiert. In der Szene, in der er von Jacks Tod erfährt, hat Ennis offenbar eine Vision davon, wie Jack zu Tode geschlagen wurde. Hier ist zunächst nicht ganz klar, ob es sich nur um Ennis‘ Vorstellung handelt oder nicht, denn Lureen beschreibt ein anderes Todesszenario. Betrachtetman die Tatsache, dass kurz vor dem Einblendung der Szene, in der Jack ermordet wird und kurz danach jeweils Ennis‘ Gesicht zu sehen ist, ließe sich vermuten, dass es sich dabei um Ennis‘ Gedanken und Ängste handelt. Insgesamt erscheint Ennis während des gesamten Films stets von seinen oder den gesellschaftlichen Vorstellungen von Familie und Sexualität derart beherrscht, dass er sich nur außerhalb der Gesellschaft und stets nur für kurze Zeit das Zusammensein mit Jack erlauben kann. Ganz vergessen kann er Jack offenbar auch nicht, was den Schluss zulässt, dass er durchaus in ihn verliebt ist, was auch in der Schlussszene des Films verdeutlicht wird. Die Heteronormativität scheint der Grund zu sein, weshalb Ennis sich seine wahren Gefühle für Jack nicht eingestehen kann und am Ende des Films offenbar nur ein einsames und trostloses Leben zu führen scheint.
 
Bildquellen : http://www.imdb.com/title/tt0388795/

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