Too matsch – Überflussgesellschaft als Happening

Erst kommt das Fressen, dann kommt die Moral.“ (Berthold Brecht)

Bei der Projektidee „Too Much“ ging es darum eine Essensschlacht zu inszenieren und diese fotografisch und videografisch zu dokumentieren. Inspiriert wurde das Ganze von gesellschaftskritischen Filmen wie „Das große Fressen“ von Marco Ferreri aus dem Jahre 1973. Ferreri erzählt in dem Film die Geschichte von vier Freunden, die gemeinsam den Freitod über die orale Nahrungsaufnahme wählen. Der Film erzählt von Überfluss, Ekel, Maßlosigkeit. Ferreri kritisiert damit den Hedonismus dieser Zeit, der meiner Meinung nach auch heute noch vorherrscht, und greift damit die Aussage Brechts nicht nur auf, sondern steigert diese noch. In einer Kritik wurde die Aussage zutreffenderweise auf „Sie werden alle an ihrem Vergnügen noch ersticken“ reduziert – und genau diese Denkweise ist auch die Basis für dieses Kleinprojekt.

Wir thematisieren damit die Tatsache, dass wir soviel Nahrung zur Verfügung stehen haben, dass wir uns erlauben können, damit zu spielen, Kunst zu machen, oder es einfach alles wegzuwerfen. Wir möchten zeigen, was „Überflussgesellschaft“ für uns heisst, wir möchten uns bewusst machen, wie viel jeden Tag an Lebensmitteln weggeschmissen wird, wie viel wir selbst jeden Tag an Lebensmitteln wegschmeißen.

Ich denke das Thema der Überflussgesellschaft muss hier nicht genauer beschrieben werden, wohl aber, dass das Darstellen und Kritisieren, nicht aber die Begünstigung hier unsere Motivation war. Ganz klar, gab es für uns die Schwierigkeit, wie man etwas darstellen soll, ohne das kritisierte dabei selbst zu betreiben – nämlich Lebensmittel zu verschwenden.

Wir haben uns daher entschlossen, nur Lebensmittel zu benutzen, die von Supermärkten weggeschmissen worden wären, also abgelaufene. Dabei haben wir im Speziellen darauf geachtet, dass wir nur solche Supermärkte ausgewählt haben, die ihre abgelaufenen Lebensmittel nicht an die „Tafel“, eine Obdachlosenküche oder ähnliche Einrichtungen, weiter geben, sondern ganz klar in den Müll werfen. Uns lag es fern irgendwem das Essen wegzunehmen, um unsere Essensschlacht damit zu veranstalten. Diesen Umstand möchte ich hier noch einmal betonen : alle von uns verwendeten Lebensmittel wären ohnehin mit hundert prozentiger Sicherheit weggeschmissen worden.

Uns standen für dieses Kleinprojekt eine Menge organisatorischer Aufgaben bevor, zum Beispiel die Suche nach einem geeigneten Ort, der verdreckt werden konnte, aber auch wieder sauber zu machen sei, der nicht öffentlich ist, aber genug Platz bietet. Ich glaube diese Aufgabe war die schwierigste und hat sich auch nur durch einen bloßen Zufall erledigt, da ein Freund von mir nämlich einen leerstehenden Pool mit Poolhaus im Garten hatte und uns anbot, diesen für die Essensschlacht zu benutzen.

Da wir nun die Location zu Verfügung hatten, kauften wir noch Schutzkleidung für die Teilnehmer, organisierten das abgelaufene Essen von den Supermärkten, kauften Reinigungsutensilien und Abdeckmaterial, um den Bereich rund um den Pool sauber zu halten. All dies war unglaublich aufwändig und zeitintensiv – hätten wir die Essensschlacht nicht in den Semesterferien veranstaltet, wäre es kaum möglich gewesen sie zu realisieren.

Als der Tag der Schlacht dann gekommen war, machten bedauerlicherweise hauptsächlich Freunde von uns mit und leider kein einziger Mensch aus unserem Indoor-Projekt. Dieser Umstand hat uns sehr enttäuscht. Nichts desto trotz ist die Essensschlacht ein gelungenes Ereignis geworden.

Selbst einige vermeintliche Zuschauer, die ganz deutlich davon abgesehen hatten an der Essensschlacht teilzunehmen, waren bei Zuschauen so begeistert von der Atmosphäre, dass sie sich spontan dazu entschlossen, doch teilzunehmen. Ich glaube kaum, dass man die Stimmung, die während der Schlacht herrschte angemessen wieder geben kann. Ich selber habe gefilmt und fotografiert und konnte daher leider nicht selbst teilnehmen. Aber das bloße Zuschauen hat mir schon eine solche Freunde bereitet, dass ich mir vorstellen kann, dass es für die Teilnehmer pure Euphorie gewesen seien muss. Ich denke ein solches Erlebnis macht man nur einmal in seinem Leben und das Aufbrechen des Tabus „Mit Essen spielt man nicht“ schien für viele ein Kindheitstraum gewesen zu sein. (Tatsächlich haben einige der Teilnehmer, später berichtet, dass sie sich so etwas seit ihrer Kindheit gewünscht haben.)

Bei dieser Aktion, die zwar von uns inszeniert, aber keineswegs völlig durchgeplant werden konnte, vermischten sich die Rollen auf eine spannende Art und Weise. Wir, als Kleingruppe, die das ganze organisiert haben, waren zwar vor der Schlacht noch anleitend und erklärend tätig, wurden während der Schlacht aber selber zu Teilnehmern und Beobachtern, während unsere Freunde, die wir sozusagen engagiert hatten mitzumachen, zu den Akteuren wurden, gleichzeitig aber auch Beobachter der gesamten Aktion waren.

Keiner hat einen bestimmten Ablauf vorgegeben, es hat doch aber ganz von selbst so entwickelt, dass die Teilnehmer sich zu beiden Seiten den Beckens gruppiert haben und sich dann jeweils gegenseitig beworfen haben. Ich und die beiden anderen Fotografen, hatten dabei das Privileg zwischendurch „Stop“ zu rufen und ein paar Anweisungen zu geben, falls das nötig war um die gewünschten Bilder aufzunehmen. Dies entstand allerdings ebenfalls spontan, wir haben uns vorher in keiner weise abgesprochen, wie die Bilder aussehen sollten – im Grunde haben wir hier dokumentarische Arbeit geleistet und versucht das Geschehen so gut es ging festzuhalten.

Zusätzlich zu den Fotos haben wir aus den Videoaufnahmen, die ich während der Ausstellung gemacht habe, eine Art Kurzfilm, bzw. einen Videospot zusammengeschnitten und bearbeitet und mit dem Song „Too much“ von der Band Bonaparte hinterlegt. „Too much“ haben wir zum einen wegen dem thematisch passenden Titel gewählt und, weil man „too much“ auch als „too matsch“ sprechen und schreiben könnte, was genau das beschreibt, was mit dem Essen in unserer Gesellschaft, aber auch in unserer Essensschlacht passiert ist – es wurde zu Matsch/Müll.

Das Video ist von schnellen Bildabfolgen, die nur durch Zeitlupen-Schnitte von prägnanten Augenblicken, z.B. der Moment in dem eine geworfene Torte im Gesicht der Beworfenen auftrifft, unterbrochen werden, geprägt. Auch diese Gestaltung haben wir an die Stimmung des Essensschlacht als solche angepasst und dabei versucht die Stimmung und die Aktion dieses Geschehens zu transportieren.

Die Reaktionen auf dieses Kleinprojekt waren unterschiedlich. Insgesamt zeigte man sich beeindruckt von der Aktion als solche, zum Teil wurde die Frage nach der Essensverschwendung, zu der ich mich im vorangegangenen bereits geäußert habe, hinterfragt, zum Teil auch kritisiert. Unerwarteterweise haben wir aber sogar ein Kaufangebot für eines der Essensschlacht-Fotos erhalten, dieses jedoch abgelehnt, da ein eventueller Verkauf von uns vorher nicht mit den Teilnehmenden abgesprochen war.

Ich denke, dass das Projekt in jedem Fall die Diskussion über das Thema der Essensverschwendung und Überflussgesellschaft angeregt hat – und dies war uns ein wichtiges Anliegen.

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